Leseprobe Fischbrötchen und Salzkaramell (Fördeliebe 2) von Jane Hell

Prolog ♥︎ Dosenravioli

Hier sollte ich also schlafen. Hinter mir lag die Ostsee und vor mir mein roter Lieblingsschlafsack. Ich atmete zweimal tief ein. Seeluft strömte durch meine Lungenflügel und ich stakste barfuß durch den feinen Sand. Immerhin war es ein milder und trockener Mai Abend.

Wie spät mochte es sein? Ich klopfte mir auf die Hosentasche, in der sich normalerweise mein Handy befand.

»Ach, Kacke!« Der Survivalkasper hatte mir Handy und Autoschlüssel abgenommen. »Trennung von der Zivilisation«, äffte ich ihn nach. Eine Armbanduhr hatte ich noch nie getragen. Wozu auch? Das Handy zeigte die Uhrzeit zuverlässig an. Ich rollte mit den Augen, ließ mich in den Sand fallen und starrte auf das Wasser. Die Weite des Meeres war atemberaubend schön und beängstigend zugleich, genauso wie die Weite der Zeitlosigkeit, die mich in diesem Augenblick umgab.

Mein Magen knurrte. »Spiritueller Übergang am Arsch! Eher spirituelles Verhungern!« Ich griff nach meiner Flasche und trank einen Schluck Wasser. Gierig betrachtete ich die Konservendose, die mir Hannes dagelassen hatte. In einem Beutel fand ich ein Feuerzeug, ein Windlicht, ein Taschenmesser einen Löffel und einen kleinen Topf.

»Verdammt! Da ist kein Dosenöffner!« Eine Möwe beäugte mein Lager interessiert.

Der Wind frischte auf. Ich erschauderte. Mein streng nach hinten gebundener Pferdeschwanz peitschte mir ins Gesicht. Die ausgebreitete Decke bäumte sich auf und verteilte ein Kilo Sand über mein Lager. Flink schmiss ich das Kochgeschirr auf die flatternde Picknickdecke und stand auf, um das Problem nachhaltig zu lösen.

»Ja, da guckst du! Hilf mir lieber Steine zu suchen, sonst fliegt mir hier alles um die Ohren!« Die Möwe blieb unbeeindruckt auf ihrem Posten unweit meines Lagers und ich eilte zum Ufer, um geeignetes Befestigungsmaterial zu finden.

Ich kehrte zurück und das Federvieh durchwühlte mit ihrem Schnabel mein Kochgeschirr. »Ksch! Hau ab!« Mein Rufen aus wenigen Metern Entfernung war erfolglos. So schmiss ich einen Stein, der die Möwe nur haarscharf verfehlte, und mir rutschte das Herz in die Hose. Zeternd sprang der Vogel in die Luft und setzte sich mit Sicherheitsabstand zu meinem Lager in den Sand.

»Sorry Möwi.« Meine Stimme zitterte und ich fixierte die Ecken der Decke mit den gesammelten Steinen.

Mein Blick erfasste den Gaskocher und die Dose. Das Grummeln meines Magens war nicht mehr zu ignorieren. Ich betrachtete das Taschenmesser. Wie ich mit so einem Ding Weinflaschen öffnen konnte, wusste ich. Aber wie bekam man damit eine Dose auf? »Weißt du das vielleicht?«, fragte ich die Möwe, die ihren Kopf schief legte und mich mit ihren runden Vogelaugen ansah.

Ich klappte eine Art Miniatursäge aus. »Autsch!« Mein Fingernagel war tief eingerissen und ich steckte mir den Finger in den Mund, um den Schmerz zu lindern. Ich hielt die Säge an die Dose und biss auf meine Unterlippe.

So wird das nicht funktionieren.

Nach und nach klappte ich alle Werkzeuge aus dem Schweizer Messer, bis ich eines fand, was eine Spitze hatte und ein gebogenes, scharfkantiges Ende.

Das könnte klappen.

Ich grub in meinem Hirn nach Bildern, wo ich schon einmal gesehen haben könnte, wie jemand eine Dose mit einem Taschenmesser öffnete. Vielleicht war es in irgendeinem Film?

Ein Königreich für mein Handy! Auf YouTube gab es sicher eine Anleitung dafür. Dort gab es Tutorials für alles! Vermutlich sogar, wie man eine Geschirrspülmaschine einräumte.

Ich kicherte, zählte bis drei und rammte die Spitze des Werkzeugs meiner Wahl in die Dose. Etwas Tomatensauce quoll heraus. Ich nahm mit dem Zeigefinger einen Tropfen von der Flüssigkeit auf und leckte ihn ab.

Notfalls muss ich die Dose auslutschen.

Verdammt, ich hatte wirklich Hunger.

Ich fluchte vor mich hin, probierte verschiedene Bewegungen aus, bis ich mit dem gebogenen Messer millimeterweise vorankam. Meine Hand schmerzte, doch nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es, den Dosendeckel anzuheben. Ein leises Kribbeln schlich sich in meinen Bauch und mein Herzschlag beschleunigte sich.

Mit einem unappetitlich platschenden Geräusch glitten die Ravioli in den Campingtopf. Hurtig deckte ich ihn mit dem zugehörigen Deckel zu, um ihn vor dem nächsten Sandangriff zu schützen.

Einiges Gefummel und zig Schimpftiraden später stach eine bläuliche Flamme aus dem Gaskocher. Mit meinem Körper schirmte ich sie gegen den Wind ab, damit sie nicht wieder erlosch. Ich platzierte die hart erkämpften Ravioli im Kochtopf auf dem wackeligen Herdersatz und rührte engagiert mit dem Löffel in der roten Pampe herum.

Wie war ich bloß hierher geraten?

 

Kapitel 1 ♥︎ Work, Work, Work

»Was? Schon so spät?« Meine Augen sprangen vom Rand des Bildschirms zur Präsentation und zurück. Um zwölf Uhr würde ich die Unterlagen mit dem Chef durchgehen müssen. Adrenalin flutete meine Blutbahnen.

Ich hackte die Nummer von Volker so kräftig ins Telefon, als könnte ich die Tasten bis auf den Boden durchhämmern. 

»Hey Engelchen, wie kann ich dir helfen?« 

»Frau Engel für dich. Oder einfach Katharina. Schön, dass du auch mal ans Telefon gehst, Volker. Ich brauche die Einzelkostenaufstellung für dein Projekt. In den nächsten fünf Minuten.«

»Fünf Minuten? Engelchen geht’s noch? Heute ist Freitag. Entspann dich mal.« Er schnaufte ins Telefon.

»Frau Engel, bitte. Oder Katharina. Verdammt! Außerdem kommt meine Anfrage nicht überraschend. Du weißt seit letzter Woche, dass ich an der Vorstandspräsentation sitze. Mensch, Volker, es geht um dein Projekt!« Ich kritzelte hektisch winzige Kreise auf meine Schreibtischunterlage.

»Ach, ihr Controller seid doch alle vorstandsgelenkte Lemminge!«

Ich verdrehte die Augen und spielte mit dem Gedanken, ohne Vorankündigung aufzulegen.

Oder ich renne ins Nachbargebäude und drehe Volker so lange auf seinem Bürostuhl, bis er kotzt. 

Ein irres Glucksen entwischte meiner Kehle. Mein Rücken verkrampfte. »Wenn ich die Zahlen nicht in fünf Minuten habe, denke ich mir verrückte Schätzwerte aus.«

»Okay, okay. Nun werd’ mal nicht gleich so grantig, Engelchen.«

Die Tastatur klapperte dumpf durch den Telefonhörer. Prompt erschien eine E-Mail von ihm in meinem Posteingang. 

»Einzelkosten Projekt Nr. 325/2«, murmle ich und öffnete die Tabelle. »Alter, nein! Das ist nicht dein Ernst! Das ist keine Kostenaufstellung, das ist ein Zahlentrümmerhaufen!« Ich griff nach dem Ende meines Pferdeschwanzes und zwirbelte die hellblonden Haarenden hektisch um den linken Zeigefinger.

»Das ist alles, was ich habe. Sorry, Kat.«

»Okay. Besser als nichts.« Ich seufzte und widerstand dem Drang, ihn wüst zu beschimpfen und gravierte stattdessen mit dem Kugelschreiber dunkelblaue Furchen in die Unterlage. »Volker, das geht so nicht. Wir müssen die Zahlen gemeinsam noch durchsprechen. Ich stelle uns einen Termin ein. Und bis dahin wirst du die Einzelkosten übersichtlicher auflisten!« Ich schrie mit schriller Stimme ins Telefon.

»Das musst du dann mit Holger ausmachen. Der ist grob im Thema. Ich zähle drei Wochen lang die Einzelkosten der Cocktails auf den Malediven.«

Ich haute mit der Faust auf den Tisch.

»Na großartig! Danke für nichts und einen schönen Urlaub«, nuschelte ich wie ferngelenkt, schleuderte das Headset auf den Schreibtisch und griff den Hörer des Telefons, um ihn mit Karacho zurück auf die Station zu donnern.

Die Uhr in der unteren Ecke des Bildschirms schrie mich an: »Noch fünf Minuten!«

Mein Magen knurrte und ein Seitenblick in meinen Kaffeebecher enthüllte eine winzige braune Pfütze. Bitterkalt lief mir der traurige Rest des ehemaligen Heißgetränks die Kehle hinunter. Die Zahlen, die Volker mir geschickt hatte, tanzten vor meiner Netzhaut. Warum benannte er nicht einmal die Spalten so, dass sich ein Außenstehender zurechtfand? Ich kopierte die Werte, die mir plausibel erschienen, in die Präsentation. 

»Engel, kannst du mir mal kurz helfen? Ich komme bei der Masterdatei nicht weiter. Wie kann ich die Markierung hier aufheben?«

Ich blickte vom Bildschirm auf.

David setzte sich auf die Kante meines Schreibtisches. Er ließ einen Fuß baumeln und ich folgte seiner Bewegung wie hypnotisiert mit den Augen. Sein Designeranzug war farblich passend zu den Lederschuhen ausgewählt oder umgekehrt. Die Socken hatten denselben Blauton wie seine Krawatte.

»Kollegin Engel? Jemand zu Hause?« Er winkte vor meinem Gesicht herum.

»Ja. Sorry. Nein. Ich bin im Vollstress. Später?« Ich versteifte mich und richtete meine Augen auf die Präsentation.

»Ich komme so nicht weiter!«, maulte er.

»Hat das nicht noch Zeit?«

»Ich komme so echt nicht weiter. Bitte, Engel. Nur kurz.«

Ich seufzte und klickte auf Dokument drucken. »Okay. Aber dann versuchst du, dir das endlich zu merken.« Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich erhob mich und folgte David am Schreibtisch von Frau König vorbei zu seinem Platz.

»So. Siehst du? Mit der rechten Maustaste kannst du dir verschiedene Menüzeilen einblenden lassen.« Ich ratterte meinen Standardtext herunter. Wann merkte er sich diese banalen Schritte?

»Danke, Engel! Du bist die Beste – also gleich nach mir.« Er zwinkert mir zu und grinste. Ich teilte seinen Humor nicht und eilte in den Nebenraum zum Drucker.

Das Gerät blinkte.

Ich rollte mit den Augen. Welcher unkollegiale Vollkasper hatte einen Papierstau verursacht und nicht behoben? Kalter Schweiß sammelte sich an meinen Handflächen. Wie ein Chirurg arbeitete ich mich zu den innersten Organen des Druckers vor und entfernte ein pechschwarzes Papier.

Schwungvoll baute ich alles wieder zusammen und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Zum Nichtstun verdammt betrachtete ich, wie meine Präsentation Seite für Seite den Drucker verließ. Das letzte Blatt entriss ich dem Gerät mit Gewalt und hastete zurück zu meinem Schreibtisch. 

»Frau Engel. Wo bleiben Sie denn?« Herr Zellmann stand an meinem Arbeitsplatz und tippte auf seine Armbanduhr in der Größe eines Kleinwagens. »Ich erwarte Sie in meinem Büro!«

»Bin schon da«, rief ich außer Atem und fuchtelte mit den aktuellen Unterlagen in der Hand. 

»Psst, Kathy.« Frau König winkte mich zu sich. »Du hast da was. Im Gesicht.« Sie wischte sich mit einer übertriebenen Geste über ihre Stirn und zauberte ein feuchtes Reinigungstuch aus ihrer Tasche hervor. 

Mist!

Das Tuch färbte sich schwarz vermischt mit meinem hellbeigefarbenen Make-up. Die verschmutzten Hände reinigte ich notdürftig und warf das Tuch in den Mülleimer unter dem Schreibtisch.

»Danke!«, murmelte ich und beeilte mich, das Büro von Herrn Zellmann zu erreichen. Unterwegs griff ich mir meinen Laptop und balancierte alles ins Chefbüro.

»Happy birthday, to you, happy birthday to you, happy birthday, liebe Frau König, happy birthday to you!« David ließ den Korken an die abgehängte Bürodecke donnern. Die Kollegen johlten. Er hatte es wieder geschafft, eine neue Delle in die Leichtbauplatten zu schießen.

Ich hatte mich neben dem Fenster in Sicherheit gebracht. »Hey, da unten ist Miller. Der sieht ziemlich wackelig aus auf seinen Krücken!«, rief ich in die Runde.

»Der packt das schon.« David warf einen Blick nach draußen und wandte sich mit der geöffneten Flasche den Pappbechern auf dem Tisch zu. Ich betrachtete den Eingangsbereich vor dem Gebäude. Miller kam nur langsam voran und ruhte sich alle zwei Meter aus. »Das ist doch Quälerei«, sagte ich mehr zu mir als zu David und schnappte mir Millers Schreibtischstuhl.

»Kat? Klaust du jetzt Firmeneigentum?« Frau König kicherte wie ein Teenager.

»Ich helfe Miller! Kann mir mal jemand die Bürotür aufhalten?«

Ich schob Millers Stuhl aus dem Gebäude und er lächelte dankbar. Mit ausgestrecktem Bein setzte er sich umständlich hin und ich schob ihn in Richtung Fahrstuhl.

»Danke.« Er drückte meine Hand. 

»Ist doch selbstverständlich. Wann kommst du wieder regelmäßig ins Büro? Es ist so leer gegenüber von meinem Schreibtisch.«

»Nächste Woche. Ich muss nur noch ein wenig mit den teuflischen Dingern hier üben.« Er fuchtelte mit den Krücken im Fahrstuhl herum und seine Lachfalten zogen sich bis zu seiner Glatze.

Frau König hatte ein liebevolles Buffet aus Kuchen und Knabberei aufgebaut. 

»Wo ist denn der Zellmann?«, fragte mich David leise. »Der sollte doch die Ansprache halten, wenn wir die Blumen überreichen.«

Ich drehte mich um und sah einen wild fuchtelnden Schatten im Chefbüro herumtigern.

»Anscheinend hat der ein wichtiges Telefonat«, antwortete ich.

»Dann musst du das übernehmen!« David drückte mir die Blumen in die Hand und schob mich vor die Kollegen. Im nächsten Moment stand ich direkt vor Frau König und zehn Augenpaare schauten erwartungsvoll in meine Richtung.

Ich räusperte mich. »Liebe Frau König. Ein runder Geburtstag ist immer etwas Besonderes. Heute möchten wir dir herzlich zu deinem Ehrentag gratulieren. Du bist die gute Seele unseres Büros. Wenn jemand auf dem Weg ist, sich lächerlich zu machen, Kummer hat oder nur neues Büromaterial benötigt: Du stehst uns mit Rat und Tat zur Seite. Und, dass du es bereits so viele Jahre mit unserem Chef ausgehalten hast, beeindruckt uns am meisten.« Die Kollegen lachten und ich überprüfte mit erhöhtem Puls, ob Herr Zellmann noch in seinem Büro telefonierte. »Und nun darfst du selber an diesen wunderschönen Blumen schnuppern.« Ich überreichte ihr den Strauß und nahm sie fest in meine Arme. Ihr liebliches Parfüm vermischte sich mit den penetrant duftenden Lilien und mir wurde schummrig im Kopf.

»Liebe Kathy, liebe alle.« Frau König umklammerte den ausladenden Blumenstrauß, lugte zwischen einer weißen Rose und Grünzeug hindurch und betrachtete ihre Kollegen. »Auch, wenn wir es hier nicht immer einfach haben«, ihr Blick fixierte für eine kurze Sekunde das Büro von Herrn Zellmann, »gehe ich jeden Tag gerne zur Arbeit. Ich bin zwar nun schon sechzig Jahre alt, aber das macht ja nichts, denn auch ihr werdet älter.« Sie grinst in die Runde. »Vielen lieben Dank für diesen wunderschönen Blumenstrauß und dass ihr Zeit gefunden habt, um mit mir auf meinen Geburtstag anzustoßen, denn das Leben ist zu kurz, um es ausschließlich ernster Arbeit zu widmen.« Frau König hob ihren Pappbecher. »Schön, dass ihr da seid! Prost!«

»Auf dich!«, antworteten wir durcheinander.

Ich setze den Becher an meine Lippen und stürze den süßsauren Sekt hinunter. In Gedanken war ich beim Gespräch mit Herrn Zellmann. Mehr Details. Mehr Präsentationsseiten. Eine zusätzliche Auswertung und die Aufschlüsselung und Neusortierung der Kosten nach Vorstandsauftrag wollte er haben. 

»Tschüss, schönes Wochenende, Kat!« David klopfte auf meinen Schreibtisch und schlenderte in Richtung Tür.

»Dir auch«, murmelte ich, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben. 

Ich stopfte mir einen Miniwindbeutel und einen Käsewürfel in den Mund. Das Buffet von Frau König ersetzte an diesem Freitag alle Mahlzeiten für mich. Mit den Fingerspitzen kratzte ich die letzten Krümel Chips aus einer Schüssel und wühlte mich durch die Zahlen auf meinem Monitor. 

Das laute Rappeln meines Golfs beim Verschließen der Türen hallte durch die verwaiste Tiefgarage. Ich atmete den Geruch von alten Abgasen vermischt mit einem Hauch modriger Kellerluft ein. Der Riemen der Tasche zog an meiner Schulter und das Geräusch meiner Absätze vervielfachte sich zwischen den Betonwänden.

Mit meinem ganzen Gewicht warf ich mich gegen die massive Metalltür, die ins Treppenhaus führte, und stieg die Stufen hoch in den zweiten Stock.

Ich drehte den Schlüssel in der Wohnungstür herum und das automatisch gesteuerte Licht hinter mir erlosch. Tastend stolperte ich in meine Wohnung, verpasste dem Lichtschalter einen Ellenbogencheck und stieß die Tür mit dem Fuß zu. Im Badezimmer wartete meine gemütliche, hellgraue Sweathose. Auf dem Sofa kuschelte ich mich in die Kissen und schaltete eine alberne Freitagabendshow ein. Zu mehr war mein Hirn nicht fähig. Ich kramte das Handy hervor. Miri hatte mich mit Textnachrichten bombardiert. Wir hatten uns zum Telefonieren verabredet.

Ich ruf dich morgen an. Bin gerade erst aus dem Büro gekommen und müde, textete ich zurück. 

Selbst der Fernsehshow zu folgen war anstrengend und meine Augenlider wurden immer schwerer. Mit geschlossenen Augen erreichte mich nur das Klatschen des Publikums, als wäre es Meeresrauschen.

Ein penetrantes Brummen direkt unter der Schulter riss mich aus dem Schlaf. Ich tastete nach meinem Telefon. 

»Hallo?«, beantwortete ich gähnend den Anruf.

»Hey Kat! Alles okay bei dir? Was war los gestern? Bürostress?« Die Stimme von Miri schallte als fröhlicher Singsang aus dem Handy.

»Hi Miri. Nee, alles gut. Bin nur müde und du hast mich gerade aus dem Bett geklingelt.« Durch den Schleier aus Schlaf und Müdigkeit erkannte ich schemenhaft meine Umgebung. »Na ja. Nicht so richtig aus dem Bett. Ich bin gestern auf dem Sofa vorm Fernseher eingeschlafen.« Ich rieb mir das linke Auge. »Sag mal. Wie spät ist es eigentlich?«

»Halb zehn. Wirklich alles gut mit dir?« Mein Gesicht fühlte sich aufgequollen an. Normalerweise schlief ich nicht länger als acht Uhr. Ich setzte mich auf und streckte den freien Arm nach oben.

»Ja ja, alles gut«, sagte ich abwesend und tapste zum Fenster, um frische Luft reinzulassen.

»Mensch Kat. Du arbeitest zu viel. Komm, wir gehen heute Abend aus. Und nicht vergessen: Morgen um zehn sind wir zum Joggen verabredet.«

Ach, verdammt!

Das hatte ich total verschwitzt. Das war auf meinem Mist gewachsen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, nächstes Jahr an einem Halbmarathon teilzunehmen.

»Ja stimmt. Laufen gehen steht. Aber für heute Abend muss ich passen. Sorry. Ich brauche etwas Ruhe.« Ich biss mir auf die Lippe. Dass ich erneut über die Vorstandspräsentation schauen wollte, erzählte ich Miri nicht. Sie würde mir eine Standpauke halten.

»Ach Mensch. Schade. Aber nächstes Wochenende, ok?« 

»Hm. Hm.« In Gedanken strukturierte ich die Tabellen der Einzelkosten.

»Kat? Echt jetzt! Nächste Woche bist du fällig!« Miri kicherte.

Ich verdrehte die Augen. »Ja. Wenn nichts dazwischenkommt«, grummelte ich.

»No excuses – keine Entschuldigungen. Wir sehen uns dann morgen um zehn. Ich hole dich ab. Und schlaf vielleicht lieber im Bett. Tschüssi.« Sie schmatzte mir einen Kuss durch das Telefon und legte auf und ich schlurfte in die Küche.

Och nö!

Ich blickte in die gähnende Leere der Kaffeedose und ließ sie offen auf der Arbeitsfläche stehen. Wie ein Drogenspürhund wühlte ich mich durch Instantnudeln und angebrochene Müslipackungen zu einem Glas mit Instantkaffee.

»Juchu!«, bejubelte ich meinen Fund und startete den Wasserkocher.

Wenig später schmiegten sich meine Hände an den heißen Becher. Der Duft nach Freiheit und Campingurlaub stieg mir in die Nase und das braune Lebenselixier flößte mir neue Kraft ein. Ich richtete mich auf, zog die Schultern zurück und atmete durch. 

»Auf geht’s Kat, es gibt noch viel zu tun, und bald hast du es ins Management geschafft!«, motivierte ich mich selbst.

Ich schleppte meine Arbeitstasche in die Küche und baute mir einen Homeoffice Platz auf. Der Computer versetzte mich mit seinem Startsound in den Arbeitsmodus und ich versank in den unendlichen Weiten der Projektzahlen.

»Hi Miri!« Ich wartete in meinem farbenfrohen Laufoutfit vorm Haus.

»Hey Kat!« Miris Blick wanderte von meinen Füßen bis zum Scheitel. »Cooles Outfit – du siehst aus wie eine Ampel.«

Ich betrachtete meine neuen orangefarbenen Laufschuhe.

»Keine Sorge, Kat. Wie eine extrem sportliche und durchgestylte Verkehrsampel und das grüne Shirt passt super zu deinen hellblonden Haaren«. Miri zupfte sich ihr schwarzes Shirt zurecht. Ihre wilden roten Locken hatte sie mit einem dunklen Stirnband gebändigt und sah aus wie eine Mischung aus Rocky Balboa und Samson aus der Sesamstraße.

»Auf geht’s! Heute ist der Beginn einer neuen Herausforderung!« Ich entsperrte mein Handy und checkte die Trainingsapp, die ich extra gekauft hatte. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. 

»Du planst das Training, wie deine Karriere, oder? Möglicherweise haben wir auch Spaß am Laufen?« Miri zog die Schleife an ihren Laufschuhen fester.

»Ja ja, bestimmt haben wir Spaß, wenn wir unser Ziel erreicht haben.« Ich schaute erneut auf das Display. »Zu Anfang steht vier Mal pro Woche Training auf dem Programm. Wir beginnen mit unterschiedlichen Intervallen. Zwei Minuten laufen, eine Minute gehen. Und das für 20 Minuten. Bereit?«

»Viermal pro Woche?« Miri riss die Augen auf. »Sag mal, spinnst du?«

»Nicht ich. Die App!« Ich zeigte auf mein Handy, um die Machtverhältnisse klarzustellen. »Wenn die App sagt, wir benötigen viermal pro Woche Training, um uns fit zu machen für einen Halbmarathon, dann wird das schon stimmen.«

»Halbmarathon? Ich dachte, wir wollten nur ein wenig joggen, um uns an der frischen Luft zu bewegen und Spaß zu haben?«

»Ja ja, das können wir ja trotzdem. Aber ohne richtiges Ziel ist das Ganze doch sinnlos.«

Miri schüttelte den Kopf und trottete langsam los. Ich stellte den Timer auf zwei Minuten und rannte an ihr vorbei. Mein Pferdeschwanz peitschte mir rechts und links an die Schultern. Es zwickte unangenehm unter meinen Rippen und ich hielt mir die Seite.

Waren das nicht schon zwei Minuten? Warum meldete sich der Timer nicht? Ich zog das Handy aus der dafür vorgesehenen Tasche der Leggings und rieb mir die Augen. Eine Minute und siebenundzwanzig Sekunden hatten wir hinter uns gebracht.

Miri holte keuchend zu mir auf. »Sind die zwei Minuten um? Ich sterbe!«

»Nee. Erst eineinhalb. Wir sollten unser Tempo reduzieren«, schlug ich vor und Miri nickte schnaufend.

Mein Herz trommelte mit aller Kraft gegen den Brustkorb und ich schnappte nach Luft. Seitenstiche trieben mir Tränen in die Augen.

Mit gedrosselter Geschwindigkeit schafften wir zwanzig Minuten Intervalltraining. Die Unterhaltung dabei beschränkte sich auf Wie lange noch? und Was? Waren das immer noch keine zwei Minuten? 

Wir schlenderten zurück zu meiner Wohnung.

»Kann ich oben bei dir ein Glas Wasser trinken? Ich fühle mich, als hätte ich die Sahara durchquert. Und zwar immer zwei Minuten laufend, eine gehend.« Miri verzog das Gesicht.

»Na klar, komm mit hoch. Wir müssen nur noch die Treppen schaffen oder jemanden finden, der uns trägt.«

Schritt für Schritt stiefelten wir die Stufen nach oben. Miris Kopf leuchtete so rot wie ihre Haare und ich fühlte, dass mein Gesicht ihrem tomatenfarbenen Teint in nichts nachstand. Kaum hatte ich die Tür aufgeschlossen, eilte Miri in die Küche und hängte sich direkt unter den Wasserhahn. Ich holte zwei Gläser aus dem Eckschrank und hielt ihr eines hin. »In der Zivilisation benutzen wir seit vielen Jahrhunderten Gläser.«

»Seit wann gehört Mindhagen zur Zivilisation?« Miri kicherte, nahm mir beide Gläser ab und füllte sie mit Wasser. 

»Sag mal, hast du gestern den ganzen Tag gearbeitet?« Sie deutete mit dem Glas in der Hand in Richtung Küchentisch, sodass ich um meine Unterlagen bangte.

»Nee. Nicht den ganzen Tag«, log ich.

Miri schaute mich mit ihren dunkelgrünen Augen streng an, holte Luft und schüttelte den Kopf. »Dir ist nicht mehr zu helfen. In knapp zwei Monaten wirst du dreißig und das Einzige, was dein Leben bestimmt, ist dein Job?«

»Ich arbeite hart daran, ins Management befördert zu werden. Das habe ich mir fest vorgenommen. Und weißt du, Miri, ich bin so, so kurz davor!« Ich hob meine linke Hand und deutete einen winzigen Zwischenraum zwischen Daumen und Zeigefinger an.

»Echt jetzt, Kat? Das erzählst du mir seit mehr als zwei Jahren.« Miri seufzte.

»Ich habe da diese Vorstandspräsentation für das wichtigste Zukunftsprojekt der Firma. Wenn ich das nicht vermassele, dann werde ich befördert. Das hat mir mein Chef gestern noch mal bestätigt.« Ich ging einen Schritt auf sie zu. Meine Stimme war lauter, als ich es beabsichtigt hatte. 

Miri sah mich mit weichen Augen an und breitete ihre Arme aus. Irritiert erwiderte ich ihre Umarmung.

»Ich bin für dich da, Kat. Pass auf, dass du dich nicht totarbeitest«, murmelte Miri an meiner Schulter und löste sich wieder von mir.

»Keine Sorge. Vorher kippe ich beim Laufen um.« Ich klammerte mich demonstrativ an der Arbeitsplatte der Küche fest. »Aber morgen machen wir Pause. Erlaubt das deine App?« Miri betrachtete mich mit flehendem Blick.

»Warte, ich schau mal auf unseren Trainingsplan.« Ich entsperrte mein Handy und hielt es Miri hin.

»Glück gehabt. Morgen ist sportfrei«, rief Miri euphorisch, wie ein Schulkind, das auf dem Vertretungsplan erkannte, dass das schlimmste Fach der Woche ausfiel.

»Ich schicke dir einen Screenshot von unseren Erfolgen und den zukünftigen Trainingstagen. Vor der Arbeit müssen wir aber früh aufstehen!«

»Du bist eine Sklaventreiberin, Kat!«

»Na, das sind doch gute Voraussetzungen für einen Job als leitende Angestellte.« Ich zwinkerte ihr zu und verabschiedete sie mit einer festen Umarmung.

Frisch geduscht schlüpfte ich in eine flauschige Jogginghose und zog mir einen ebenso kuscheligen Pulli über den Kopf. Mein Blick haftete am Spiegel. Die nassen, hellblonden Haare hingen schlaff über meine Schultern. Waren das dunkle Schatten unter meinen Augen? Ich drehte mich um und schlich auf wackeligen Beinen in die Küche.

Die schwarzweißen Fliesen schmiegten sich kühl und glatt an meine nackten Füße. Der Bonsai auf der Fensterbank ließ die Blätter hängen.

»Bist du auch hungrig?«, redete ich mit der Pflanze und goss etwas Wasser in den Blumentopf. Ich öffnete den Kühlschrank, der mich stumm ermahnte, dass ihn gestern lieber hätte füllen sollen. Es lief auf Müsli mit haltbarer Milch und Instantkaffee hinaus. »Eine ausgezeichnete Wahl!«, beglückwünschte ich mich selbst.

Ich schob die Papiere auf dem Tisch beiseite und schaffte Platz für mein Frühstück. Mit einer automatisierten Handbewegung startete ich den Computer.

Mein Herzschlag pochte in meinen Ohren. Ich riss die Augen auf und versuchte, mich zu orientieren. Adrenalin pumpte durch meinen Körper und das Bettzeug klebte unangenehm nass an meiner Haut. Der weiße Vorhang bewegte sich sanft durch den Luftzug, der durch das gekippte Fenster ins Schlafzimmer strömte. Das Licht der Straßenlaterne verbreitete ein fahles Licht. Ich hatte geträumt, erinnerte mich aber nicht mehr an die Einzelheiten.

Es war kurz nach zwei Uhr nachts, verriet mir mein Handy.

Verdammt, wie soll ich jemals wieder einschlafen?

Ich schlug die Decke beiseite und stand auf, um mir ein neues T-Shirt zu holen. Das Alte flog auf den bedrohlich hoch gestapelten Wäscheberg.

In der Küche suchte ich nach einem beruhigenden Tee und startete den Wasserkocher. Das sprudelnde Wasser goss ich in meinen geblümten Lieblingsbecher. Der Duft von Melisse und Lavendel verbreitete sich im ganzen Raum.

Ich setzte mich und pustete in den heißen Tee. Gedankenverloren nahm ich die Projektunterlagen zur Hand, die mir gestern Kopfzerbrechen bereitet hatten.

»Nein! Das kann nicht sein!« Ich blätterte durch die Papiere. Ein Ziegelstein legte sich schwer in meine Magengrube. Wie hatte ich diesen offensichtlichen Denkfehler übersehen können? Bereits in ein paar Stunden sollte ich das neue Projektrechnungskonzept vorstellen. Mein Blick fiel auf die Digitalanzeige am Backofen. Zwei Uhr dreiundzwanzig. Ich rechnete. Ich hatte viereinhalb Stunden, um den Patzer wieder auszubügeln.

Den Tee schüttete ich in den Ausguss und nutzte das heiße Wasser im Kocher, um mir einen Kaffee anzurühren.

»Kat, du schaffst das!« Meine Stimme klang dumpf und ich stürzte mich in die Welt der Kalkulationen.

 

Kapitel 2  ♥︎ Harter Aufschlag 

»Frau Engel. Könnten Sie uns bitte durch die Zahlen führen?«

Ich erhob mich von meinem Stuhl und der Muskelkater in meinen Beinen schmerzte höllisch. Auf meinen Händen bildete sich kalter Schweiß. Ich hatte die Präsentation am Vormittag Herrn Zellmann vorgestellt, der einige Änderungswünsche hatte. Mit den aktualisierten Unterlagen im Gepäck stand ich in einem Besprechungsraum und acht Männer in Anzug, die sich nur durch die Farben ihrer Krawatten unterschieden, sahen mich erwartungsvoll an.

»Ja, natürlich. Die Zahlen«, sagte ich zögernd und beruhigte meinen Puls, indem ich tief einatmete.

Ich führte die Zuhörer durch die Präsentation und fühlte mich, als würde ich durch einen immer kleiner werdenden Tunnel wanken. 

»Vielen Dank, Frau Engel. Gute Arbeit.« Mein Chef nickte mir zu und die anderen Herren stimmten mit ein.

Ich raffte die Unterlagen zusammen und verließ den Raum. 

»Was ist los, Kathy, du siehst kreidebleich aus!« Frau König erhob sich aus ihrem Schreibtischstuhl. Sie sagte noch etwas, doch meine Ohren waren wie mit Watte verschlossen. Mit zitternden Händen legte ich die Unterlagen auf den Schrank neben mir. Der Boden unter meinen Füßen schwankte bedrohlich und vor meine Augen senkte sich ein schwarzer Vorhang.

»Kathy?«

Langsam öffnete ich die Augen. Der Boden drückte mir hart und kalt in den Rücken. Mein Schädel dröhnte. Vorsichtig tastete ich nach meinen Schläfen und wackelte mit den Zehen. Jemand hatte mir eine Jacke unter den Kopf geschoben, die Füße von den engen Pumps befreit und die Beine auf einige Pakete Druckerpapier hochgelegt.

»Kathy?«, fragte die singende Stimme von Frau König. »Geht es dir gut? Soll ich die Sanis rufen?«

»Nein, nein. Schon gut.« Ich versuchte, aufzustehen, doch Frau König legte mir eine Hand auf die Schulter.

»Bleib erstmal einen Moment liegen, Kathy. Du hast bestimmt wieder nichts gegessen. Ich hole dir was aus dem Automaten!« Schwungvoll wandte sie sich um: »Miller, pass bitte gut auf Kathy auf. Ich besorge ihr etwas Zucker. Dann kommt der Kreislauf schon wieder in Gang.«

Ich hörte ein zustimmendes Brummen.

»Und lass sie auf keinen Fall aufstehen!«, rief Frau König aus weiterer Entfernung. Die Rollen eines Schreibtischstuhls schabten über den Industrieteppich.

»Hey Kat. Alles senkrecht?« Miller rollte mit seinem Stuhl neben mich und beugte sich nach vorne. Sein Grinsen schob sich in mein Blickfeld.

»Haha, sehr witzig«, antwortete ich mit leiser Stimme.

»Hat der hochdotierte Haufen an geballter Kompetenz dich umgehauen?« Er lachte, was ihn deutlich jünger erscheinen ließ als Mitte fünfzig.

»Nein. Ach. Egal«, stammelte ich.

»Jutta wird dich schon wieder aufpäppeln. Vermutlich hat sie gleich den ganzen Fressautomaten im Gepäck.« Miller war der Einzige von uns, der Frau König mit ihrem Vornamen ansprach. Die zwei arbeiteten nach eigenen Angaben schon mindestens hundert Jahre zusammen.

Ohne den Kopf zu drehen, schielte ich zum Besprechungsraum. Die Runde war dabei, sich aufzulösen. Ich wollte unbedingt aufstehen und hob das linke Bein behutsam von dem Papierpodest, um es fest auf den Boden zu stellen.

Miller hatte seine Wachposition neben mir nicht verlassen und schnalzte mit der Zunge. »Tse, tse, tse, Kat. Jutta hat mir gesagt, dass du auf keinen Fall aufstehen sollst. Und ich werde mich deshalb nicht mit ihr anlegen. Also schön das Beinchen wieder dahin.« Er tippte mit seiner Krücke auf den Papierstapel. Ich verdrehte die Augen und seufzte. Eine Tür öffnete sich und murmelnde Stimmen drangen an mein Ohr. Blut schoss mir ins Gesicht und Fluchtinstinkte beschleunigten meinen Puls. Das Gemurmel und die Schritte näherten sich.

»Frau Engel. Geht es ihnen gut?«

Herr Zellmann stellte sich neben Miller und das halbe Management unserer Firma beäugte mich von oben herab.

»Alles gut. Nur der Kreislauf. Unterzuckert. Geht gleich wieder«, antwortete ich mit fester Stimme.

»Ich stelle ihnen für morgen einen neuen Termin für eine Manöverkritik zum heutigen Termin ein. Und: gute Besserung!« Er wandte sich ab und verabschiedete seine Kollegen.

»Sandwich, Schokoriegel, Brezel, Besprechungskekse«, flötete Frau König durch den Raum. 

Ich drehte meinen Kopf in Richtung Tür. 

David folgte ihr auf den Fersen. »Oh lecker! Für mich?«

»Finger weg, David. Das ist für Kathy. Ihr war ein wenig blümerant und wir müssen sie aufbauen. Vermutlich hat sie wieder nichts gegessen, bis auf die Zahlen ihrer Kalkulationen.«

Ich stellte die Füße auf den Boden und nutzte die allgemeine Ablenkung, um aufzustehen. Der Muskelkater vom Laufen meldete sich stechend in meinen Oberschenkeln. Mit den Händen klammerte ich mich an den hüfthohen Aktenschrank neben mir.

»Hol Kat schnell ihren Stuhl!« Miller stupste David mit einer seiner Krücken in die Seite. »Beeil dich!«

David sprintete los.

»Danke«, sagte ich matt, plumpste auf meinen Bürostuhl, löste die Verriegelung für die Rückenlehne und legte die Beine auf den Schrank.

Einen Atemzug lang schloss ich die Augen. Ich hörte ein Knistern und zuckte zusammen. Es roch nach Butter und süßem Parfüm. Frau König fuchtelte mit einem Sandwich und einem Schokoriegel vor meinem Gesicht herum. 

»Jetzt isst du was, Kathy! Es ist schon fast Feierabend und du schwimmst auf einer riesigen Koffeinwelle durchs Büro. Irgendwann musste das schiefgehen.«

Ich nahm den Schokoriegel und pulte mit zittrigen Fingern die Verpackung ab. Nach dem ersten Bissen stieg mein Blutzuckerspiegel. Ich griff nach dem Sandwich, den David bereits fixierte. Am späten Nachmittag war Nahrung im Büro rar und vermutlich hatte Frau König den Snackautomaten bankrott gespielt.

»Ja, Sie haben recht.« Ich senkte schuldbewusst den Blick. »Ich hatte heute nichts außer Kaffee. Und geschlafen habe ich auch nicht gut.« Ich schob mir das letzte Stück vom Riegel in den Mund und friemelte gierig die Frischhaltefolie vom Sandwich. Ich sah Frau König an. »Danke.«

Sie tätschelte mir sanft lächelnd die Schulter und legte zwei weitere Riegel auf den Schrank neben mir. Den neugierigen Kollegen warf sie die Konferenzkekse zum Fraß vor. Wie eine Herde junger Löwen machten sie sich über das Zuckerzeug her.

Die Stärkung half. Meine Hände hörten auf zu zittern. Ich stieß mich mit den Füßen vom Boden ab und rollte mit dem Schreibtischstuhl zu meinem Arbeitsplatz.

Mit zittrigen Fingern entsperrte ich den Computer und klickte mich durch die neuen E-Mails, bis sich Frau König neben mir aufbaute.

»Feierabend, Kathy. Ich begleite dich zu deinem Auto. Keine Widerrede!« Sie fixierte mich streng und ich fühlte mich wie damals mit zehn, wenn ich abends zu lange unter der Bettdecke gelesen hatte.

»Aber ich muss noch kurz –«, setzte ich an, verstummte aber. Frau König schüttelte den Kopf. Ich klappte den Rechner zu und holte meine Laptoptasche unter dem Schreibtisch hervor.

»Der Computer bleibt auch im Büro.« Der Ton von Frau König wurde strenger. Ich fügte mich den unmissverständlichen Anweisungen unserer Sekretärin und griff nach meinem Handy.

Auf dem Parkdeck versicherte ich Frau König mehrfach, dass ich alleine zurückfahren konnte und klarkommen würde. Widerwillig ließ sie mich in meinen Golf einsteigen. Die Strecke nach Hause fuhr mein Auto fast wie von alleine.

In der Tiefgarage meines Mietshauses stoppte ich den Motor und atmete einen Augenblick lang durch. Der Kloß in meinem Hals erinnerte mich an die peinliche Situation im Büro. Wie ein Käfer hatte ich auf dem Boden gelegen. Hilflos. Schwach. Mit dem Handrücken wischte ich über meine feuchten Augen. Ich öffnete die Autotür und der Geruch der Tiefgarage vernebelte meine Sinne. Mit zittrigen Beinen kämpfte ich mich aus dem Wagen, durch die wuchtige Tür ins Treppenhaus und schloss den Briefkasten auf.

»Ach, Frau Engel. Gut, dass ich Sie treffe.« 

Ich fuhr herum und fing in letzter Sekunde die Briefe auf, die mir entgegenpurzelten. Schwankend hielt ich mich an der Wand fest und drückte die Post an mich. »Herr Krause, haben Sie mich aber erschreckt!«

Mein Nachbar trat aus einer dunklen Ecke des Treppenhauses und kam näher. Hatte er auf mich gewartet?

»Frau Engel. Ich muss unbedingt mit ihnen über den Müll sprechen.«

»Den Müll?«, fragte ich und schloss den Briefkasten wieder ab.

Das hat mir heute noch gefehlt!

»Ja. Sie wissen ja, die gelben Säcke. Mir ist aufgefallen, dass Sie ihre Joghurtbecher nicht ausspülen, bevor Sie sie entsorgen.«

»Ich mache was?« Die Szenerie vor meinen Augen drehte sich. Ich tastete mich an der Wand entlang und dachte an das verlockend kuschelige Bett zwei Etagen über mir.

»Ja. Wir alle hier in der Hausgemeinschaft spülen unseren Verpackungsmüll sorgfältig aus. Das erwarten wir auch von Ihnen. Sie wissen ja. Ratten. Denken Sie nur daran, wer damals die Pest übertragen hat!« Er hob den Zeigefinger.

»Oh – kay«, sagte ich und setzte einen Fuß vor den anderen, um mich möglichst weit von Herrn Krause zu entfernen. Mit einer Hand umklammerte ich das Treppengeländer. Ich spürte, wie sich der Blick meines Nachbarn in meinen Hinterkopf bohrte. Das erste Stockwerk war geschafft. Die Aussicht, den rettenden zweiten Stock bald erreicht zu haben, beschleunigte meine Schritte.

»Ich werde in den nächsten Wochen nachprüfen, ob sie ihren Müll ordnungsgemäß entsorgen!«, rief mir Herr Krause hinterher. Ich schob den Schlüssel ins Schlüsselloch der Wohnungstür, öffnete sie und schlüpfte flink hindurch. Kopfschüttelnd ließ ich sie rumsend hinter mir ins Schloss fallen und kickte die Pumps von meinen Füßen. Ich schnappte mir eine Flasche Wasser aus der Vorratsnische im Flur und taumelte in Richtung Bett. 

»Hey, Miri Punkt Muss morgen früh zum Chef Komma lass uns abends laufen gehen Punkt Ich melde mich morgen Punkt«, diktierte ich mit zittriger Stimme in mein Handy und schaltete es nach dem Senden auf Flugmodus.

»Frau Engel.« Herr Zellmann rückte seine Brille auf der Nase zurecht und sah mich an. Seine Stirn legte sich in Falten und ich rutschte auf meinem Hintern hin und her. Selten fand ich auf den Stühlen am Besprechungstisch eine angenehme Position und heute war es unmöglich.

Ich hielt dem Blick meines Chefs stand und lehnte mich zurück. Das Quietschen der Stuhllehne durchbrach die Stille.

»Engelchen.« Er strich mit den Fingern über seinen Schnurrbart. »So geht das nicht weiter.«

Mein Magen zog sich zusammen.

»Waren Sie nicht zufrieden mit meiner Arbeit? Ich kann die Aufbereitung der Projektwerte noch einmal überarbeiten.«

»Nein, nein!«, er fuchtelte abwehrend mit den Händen vor seinem Körper herum. »Die Zahlen, die Präsentation – das war alles perfekt, wie ich es von Ihnen gewohnt bin.« Ich richtete mich auf und zog meine Augenbrauen bewusst hoch. Ich befürchtete ein großes aber und knetete meine Finger.

»Wissen Sie, Frau Engel. Sie wollen bei uns Karriere machen, oder?«

Ich nickte und presste die Zähne aufeinander.

»Dann müssen sie nicht nur gute Arbeit abliefern. Wenn Sie es bei uns zu etwas bringen wollen, müssen Sie stark sein. Stark wie ein Löwe!« Herr Zellmann ahmte das Gebrüll einer Wildkatze nach und fixierte mich mit seinen wässrig grauen Augen. 

»Oder wie eine Löwin?«, fragte ich mit wackeliger Stimme.

»Ja, ja, meinetwegen auch wie eine Löwin.« Er warf einen flüchtigen Blick auf sein Handy, auf dessen Display in Sekundenabständen Benachrichtigungen erschienen.

»Zeigen sie, dass sie stark sind. Dann werde ich sie fördern. Und –« Er kratzte sich am Oberlippenbart und schaute an die Wand, als würde er dort finden können, was er sagen wollte. »Und nehmen Sie sich Urlaub, damit sie wieder zu Kräften kommen. Nicht, dass sie hier wieder zusammenklappen. Mindestens eine Woche. Aber bitte erst ab kommendem Montag. Wir müssen noch den Termin gestern nachbereiten. Schreiben Sie als Erstes die Zusammenfassung ihrer Präsentation für das Protokoll. Bis heute Mittag müssen wir das Ding rausschicken.« Sein Telefon vibrierte und er nahm den Anruf an. »Zellmann hier.«

Mit seinem Kinn wies er auf die Tür und ich schlich aus dem gläsernen Einzelbüro zurück an meinen Schreibtisch.

Urlaub. Mein Brustkorb wurde eng. Was sollte ich denn im Urlaub? Mich an den Strand legen und nichts tun? Mich von der Arbeit erholen? Und währenddessen stapelten sich die unerledigten Aufgaben im Büro bis an die Decke?

Mit einem Seufzer erreichte ich meinen Platz und stutze. Auf meinem Schreibtisch stand ein Körbchen mit Obst, Schokoriegeln und Keksen. Ich schaute mich um und Frau König winkte mir vom anderen Ende des Büros zu.

»Danke!«, rief ich und setzte mich.

»Ein bisschen leiser bitte.« Miller reckte seinen Kopf zwischen den beiden großen Bildschirmen vor ihm hindurch und grinste breit.

Ich knüllte ein Blatt Papier zusammen und zielte auf seine Nase. »Volltreffer. Direkt zwischen die Augen!« Ich lachte wie ein James-Bond-Bösewicht.

»Jutta, Kat bewirft mich mit Papierkugeln!« Miller blickte hilfesuchend zu Frau König, die am Telefon hing.

»Richtig so, Engel. Immer druff! Roarrr!« Herr Zellmann krümmte seine Finger in der Luft, eilte an uns vorbei und verließ das Büro.

»Was war denn mit dem los?« Miller rollte mit den Augen. »Aber der Zellmann spinnt ja sowieso. Weißt du, wie der seinen letzten Urlaub verbracht hat? Als Einzelkämpfer im Schlamm auf irgend so einem Hardcore-Survival-Camp.« Miller tippte sich mit dem rechten Zeigefinger an die Schläfe, vollführt mit ihm Kreise und pfiff dazu.

»Könntet ihr alle mal ein wenig leiser sein? Ich kann so nicht arbeiten!« Aus einer Ecke des Büros meldete sich Herr Klein.

»Sonst kann er nicht schlafen«, sagte Miller etwas zu laut und versteckte sich hinter seinen Bildschirmen.

Herr Klein schob seinen Stuhl zurück und schlenderte in Richtung Druckerraum. An meinem Schreibtisch hielt er inne und blickte erst zu Miller und dann zu mir. 

»Frau Engel. Vergiss nicht, den Müll richtig zu trennen, wenn du das da aufgegessen hast.« Er wischte mit schlaffer Hand in Richtung der Fressalien durch die Luft. »Ich hab da Sachen aus deinem Haus gehört.«

»Woher wissen Sie?«, stammelte ich, aber Herr Klein hatte seinen Weg fortgesetzt.

»Was war das denn?« Miller hatte seine Deckung wieder aufgegeben und rollte mit den Augen.

»Keine Ahnung. Vielleicht ist der Klein in der Müll-Stasi? Heute spinnen hier alle!« Ich nahm einen Schokoriegel aus meinem Fresskorb. Woher wusste der Klein von dem Müllvorfall gestern im Treppenhaus mit dem bescheuerten Herrn Krause?

In dieser Stadt gibt es echt keinerlei Privatsphäre!

»Willst du auch was? Nimm dir ruhig. Frau König hat es sehr gut mit mir gemeint.« Ich reichte den Korb über den Schreibtisch und Miller nahm sich einen Schoko-Nuss-Riegel. 

»Ich liebe die Dinger. Jutta weiß das. Sie werden mein Tod sein.« Trotzdem riss er die Verpackung vom Objekt seiner Begierde und ließ mit einem einzigen Biss die Hälfte des Riegels in seinem Mund verschwinden.

Ich sah auf die Uhr an meinem Telefon. So ein Mist: Der Protokollentwurf! Der Cursor blinkte verlassen auf einem weißen Dokument.

»Urlaub? Du?« Miri blickte auf ihre Füße und schnaufte.

»Ja. Muss ich nehmen. Der Zellmann ist der Meinung, es würde mir guttun.« Der Urlaubszwang und die Seitenstiche verkrampften meinen Magen.

»Mach doch Wellness. So mit Massagen und Sauna und ganz vielen schnulzigen Romanen im Gepäck!«

»Im Ernst jetzt?« Mein Handy bimmelte. »Wir dürfen wieder gehen.« Ich hielt mir die Seite. »Wellness kann ich noch machen, wenn ich hundert Jahre alt bin.«

»Du bist fast dreißig.«

Ich verzog das Gesicht. »Musst du mich so deutlich darauf hinweisen?«

»Sorry«, kicherte Miri, was die Ernsthaftigkeit ihrer Entschuldigung in Frage stellte.

»Ich glaube, ich buche ein Survivaltraining.«

»Survival-Was?« Miri blieb stehen und sah mich mit großen Augen an.

»Survivaltraining.« Mein Handy rappelte erneut. »Und hopp – wieder laufen!«

»Das nennst du Urlaub?« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Rumliegen kann doch jeder. Ich brauche Action!«, keuchte ich mit letzter Kraft. Das Seitenstechen brachte mich fast um.

»Kat, nimm es mir nicht übel, aber du spinnst doch! Entspann dich mal. Und such dir ’nen Kerl.«

Ich schnappte nach Luft. »Ich hatte doch ein paar Typen in den letzten Jahren!«

»Und wie viele davon hast du nach einer Nacht wiedergesehen?«

»Miri, ich hab keine Zeit für ’ne feste Beziehung.« Ich presste mir die Hände in die Seiten.

»Aber alle Jubeljahre ’nen One-night-Stand an Land zu ziehen, kann doch auch keine Lösung sein!« 

Der erlösende Ton schallte aus meinem Telefon.

»Fertig.«

»Ja, das bin ich auch!« Miri stützte sich mit den Händen auf ihren Oberschenkeln ab.

Wir verabschiedeten uns und ich schlich die Treppen hinauf zu meiner Wohnung. Einen Typen suchen. Ich hielt mir den schmerzenden Brustkorb und schloss mit zitternder Hand meine Tür auf. Miri hatte doch einen Vogel! Immer diese gutgemeinten Ratschläge. Als würde ich nicht alleine durchs Leben gehen können. 

Nach der Dusche kuschelte ich mich aufs Sofa. Die Google-Suche nach Survivaltraining ergab mehr als fünfhunderttausend Treffer. Ich analysierte und grenzte ein. Es sollte mit dem Auto innerhalb von zweieinhalb Stunden erreichbar sein und Einzeltrainings geben. 

Die großen Event-Dienstleister schloss ich aus. Das war doch nur Show. Ich wollte ein richtiges Training. Individuell und mit echten Herausforderungen. Melden Sie sich frühzeitig bei uns an, las ich auf den meisten Websites. Ich kehrte zurück zu den Suchergebnissen und versuchte mein Glück auf der nächsten Seite.

HappyEckTravel blinkte mir in schrillen, bunten Buchstaben entgegen. Wer ein Survival-Spezialist war, musste sich nicht zwangsläufig mit Onlinemarketing auskennen. Also sah ich über den veralteten Look der Website hinweg. Fehlte nur, dass ein fliegender Toaster über den Bildschirm schwebte. Ich grinste und zog die Wolldecke höher.

»Die ultimative Persönlichkeitschallenge. Schlagen Sie sich durch! Zu Land und zu Wasser. Lernen Sie Ihre Grenzen kennen. Werden sie stark!«, las ich mir selber vor.

Mit flinken Fingern hinterließ ich meine Kontaktdaten auf der Seite mit der Bitte um einen Rückruf. Mein Herz hüpfte aufgeregt in meiner Brust und ich widmete mich der Projektpräsentation.

Herr Zellmann hatte neue Änderungswünsche angemerkt.

Neugierig, wie es weitergeht?

Hier kannst du das E-Book bereits vorbestellen. Veröffentlichungstermin ist der 24.03.21 | Das Taschenbuch und Hörbuch erscheinen ebenfalls rund um den 24. März.

Folgende Kapitel warten auf dich:

Kapitel 3 HappyEck Travel

Kapitel 4 Südstrand

Kapitel 5 Survival-Pizza

Kapitel 6 Kaltes Wasser

Kapitel 7 Tote Tante

Kapitel 8 Geschäftspartner

Kapitel 9 Klappbrücke

Kapitel 10 Møgeltønder

Kapitel 11 Softis

Kapitel 12 Höhenangst

Kapitel 13 Workoholicwoman

Kapitel 14 Nieselregenliebe

Kapitel 15 Stressomat

Kapitel 16 Wir sehen uns im Traum

Kapitel 17 Weniger ist Meer

Kapitel 18 Leuchtturm

Epilog Salzkaramell